Heinz Holliger (*1939)
Increschantüm

Konzertmittschnitt, 04.12.2015 in der Helferei Zürich

'Increschantüm' Gedichte der Luisa Famos für Sopran und Streichquartett (2014)

  1. 'L'accord'
  2. 'Lügl a Ramosch'
  3. 'Gonda'
  4. 'D'ingionder ch'eu vegn'
  5. 'Stailas lasü'
  6. 'L'ala da la mort'

Klanginseln Collegium Novum Zürich:
Sarah Maria Sun, Sopran
Rahel Cunz , Violine I
Mateusz Szczepkowski, Violine II
Patrick Jüdt, Viola
Imke Frank, Violoncello
Mevina Puorger, Rezitation




Jens Schubbe, Heinz Holligers Increschantüm

Im Gedicht Gonda beschwört die Dichterin Luisa Famos eine verlassene Ortschaft, die gleichsam von den Geistern ihrer einstigen Bewohner bevölkert wird. In diesem Gedicht erscheint das Wort increschantüm, das dem Zyklus von Heinz Holliger den Titel gegeben hat und das man mit dem deutschen Wort Heimweh nur sehr unvollkommen übersetzen kann. Der Philosoph und Romanist Iso Camartin schreibt dazu: „Im Wort increschantüm verbirgt sich etwas, das im deutschen Heimweh gar nicht aufscheint. Die Wurzel ist das Lateinische increscere. Es heisst: hineinwachsen, dann auch: sich steigern. Heimweh ist etwas, das auf unheilsame Art heranwächst, eine übertriebene Form der Anhänglichkeit und Abhängigkeit, die schmerzt und peinigt. Am Heimweh spüren die Lebenden, dass die Toten in die Welt zurückdrängen. Beide leiden an dieser Haftung, und Heimweh ist danach nie mehr etwas, was sich sentimentalisch verklären lässt.“ Die von Heinz Holliger ausgewählten Gedichte fangen in Form überaus prägnanter sprachlicher Bilder Facetten menschlicher Existenz ein, die oft etwas mit Vergänglichkeit, Todesnähe und tiefer Melancholie zu tun haben. Wie begegnen sich Worte und Musik? Eingangs reagiert die Musik auf den Text mit dem behutsamen Wechsel der klanglichen Textur und erscheint mal flüchtig und schemenhaft, verdichtet sich zu gestalthafter Polyphonie oder zergeht in amorpher Klanglichkeit. Im zweiten Gesang entzündet sich die klangliche Phantasie am sprachlichen Bild. Dem Bild der verlassenen Ortschaft in Gonda entspricht eine Bewegung vom Amorphen hin zur konturierten Gestalt, die am Ende wieder zergeht wie eine Phantasmagorie. Im vierten Satz, dessen Text das Motiv des Wanderns beschwört, werden musikalisch Geschichtsräume durchmessen und könnte man an die Musik des von Heinz Holliger zutiefst verehrten Alban Berg erinnert sein, vor allem an die Lyrische Suite ‒ nicht im Sinne einer stilistischen Nähe, sondern beider Musik ist in ihrem Wesen verwandt. Das Bild des gestirnten Himmels evoziert der vierte Gesang. Vor allem im Epilog berühren sich die durch die Worte ausgelösten bildhaften Assoziationen mit den Klängen. Der sechste Gesang hat deutlich Finalcharakter. Er wird mit einer mikrotonal durchtränkten Todesmusik eröffnet und wandelt sich am Ende zu etwas Schwebendem, Schwerlosem, zu einem endlos geweiteten musikalischen Raum.